A Traffic Controller On Crossroads (1986)

Originaltitel: Nekoli chopyong
Jahr: 1986
Regie: Che Phun-ki
Genre: Drama
Länge: 59 min
IMDb

Eine geschäftige Straße in Pyongyang, Anzugträger, Mütter mit Kindern, mehr PKWs als auf wahrscheinlich jeder anderen Straße in der gesamten DPRK. Und mitten drin in einer adretten kobaltblauen Uniform: Die Frau, die alle nur Captain nennen. Die leitende Verkehrspolizistin des Wachpostens Nummer 15 regelt auf ihrer Kreuzung bei Wind und Wetter den Verkehr.

A Traffic Controller on Crossroads entstand in einer Umschwungphase. Nach der Entführung des südkoreanischen Regisseurs Shin Sang-ok, der ab 1983 quasi gezwungenermaßen das nordkoreanische Kino modernisiert und für verschiedene Genres geöffnet hatte, brachte die behutsame Annäherung der Sowjetunion und Chinas an den Westen Nordkorea in eine Zwangslage. Die Filmemacher vollführten eine Kehrtwende - zurück zu unmissverständlicherer Ideologie und Propaganda. A Traffic Controller on Crossroads fällt genau zwischen diese beiden Pole.

Die Verkehrspolizistin Un-suk (Ri Sol-hee) zieht zwei Autofahrer aus dem Verkehr, die ihr wiederholt wegen kleinerer Vergehen aufgefallen sind. Dabei ahnt sie zunächst nicht, dass sie ihrem eigenen Umfeld auf die Füße tritt: Der Lastenfahrer Gyong-chan (Ko Sam-he) hilft gelegentlich ihren Eltern aus und der Chauffeur Nam-chol (Ri Song-il) erweist sich als gestresster Verlobter ihrer alten Schulfreundin. 

A Traffic Controller on Crossroads zeigt eine Gesellschaft, in der nicht nur alle aufeinander aufpassen - im guten sowohl als auch in einem oftmals übergriffigen Sinne. Er zeigt auch, wie kleinste individuelle Entscheidungen einer Figur sich qua Schmetterlingseffekt immer sofort gravierend auf das große Ganze auswirken. Un-suk verprellt mit ihrer Strenge den Fahrer, der ab sofort einen Umweg nimmt, um ihr nicht zu begegnen, worauf er prompt zu spät das Restaurant beliefert, in dem zu allem Überfluss ihre Mutter arbeitet. Später vergisst ein weiterer Fahrer seine Abdeckplane - als es zu regnen beginnt, droht seine wertvolle Sprengstoffladung nicht in der Mine anzukommen, wo man schon sehnsüchtig auf ihn wartet.


Kein Wunder also, dass irgendwann alle missmutig die Verkehrspolizistin beäugen, die mit ihrem engstirnigen Festhalten an den Verkehrsregeln allen das Leben nur noch schwerer zu machen scheint. Im von Hollywood geprägten Kino liefe eine derartige Prämisse wahrscheinlich auf einen Sinneswandel hinaus: Un-suk würde lernen loszulassen, das Leben nicht nur in Schwarzweiß zu betrachten. In A Traffic Controller on Crossroads besteht ihre Stärke hingegen darin, an der titelgebenden Kreuzung eben gerade nicht abzubiegen. Nach einer kurzen Phase des Zweifels erinnert sie sich an einen verunglückten Fahrer aus ihrer Anfangszeit, besinnt sich auf ihre Verantwortung und überzeugt davon in einer feurigen Rede auch ihre Kolleginnen:

“Gum-ok, we must not be satisfied about putting down the violator’s names on record or fining them. We must strictly control and constantly awaken them so that [they] have a clear understanding of laws and regulations and keep them voluntarily. This is not your or my own demand. It’s just our people’s demand. With this demand in our mind, we should guard and glorify our socialist system.” *



Was Un-suk da noch verbal beschwört, bewahrheitet sich nur kurz darauf: Während ihrer Nachtschicht fängt sie einmal mehr den Fahrer Gyong-chan ab, der nach einer stundenlangen Fahrt ausgezehrt beinahe am Steuer zusammenklappt. Sie verdonnert ihn zu einer Stunde Schlaf - und als er nach dem Nickerchen dabei zuschaut, wie sie im nächtlichen Regen dem Sprengstoff-Fahrer versucht mit seinem störrischen LKW zu helfen, kommt das auch für ihn einer Erweckung gleich. In von melodramatischen Streichern untermalten Rückblenden sieht er noch einmal Un-suk in ihrem Alltag vor sich: aufrecht, entschlossen, zupackend. Das wäre alles höchst romantisch, wenn es dabei nicht nur um ihre Hingabe zum System ginge. Gemeinsam reparieren Sie den Truck, an dessen Flanken - so viel Zeit muss für Detailaufnahmen sein - der Regen in Strömen herabrinnt.


Der Holzhammerbotschaft zum Trotz: A Traffic Controller on Crossroads soll ganz klar auch unterhalten, eine lebenswerte und lebensfrohe Version des Lebens in Nordkorea präsentieren. Schon die ersten Sekunden beginnen mit einem schwungvollen Lied und die Schriftfarbe der Titelsequenz springt von rot auf gelb und grün. Später folgen weitere musikalische Einlagen: der Auftritt eines Teams für rhythmische Sportgymnastik oder eine Aufklärungsstunde über Verkehrssicherheit, bei der ein Mädchenchor begleitet von einem Akkordeon ein vergnügtes Lied zum Besten gibt: "He took to running across any part of the road / and now it serves him right / there's no need crying over spilt milk." *


Die Kamera lässt sich Zeit um Un-suks Blick einzufangen, wie sie freudig gerührt ihre Zuhörerinnen betrachtet: Frauen, die sich im Halbkreis aufgestellt haben, ihre Kinder auf den Knien balancieren, fröhlich im Takt der Musik nicken. Ausreichend Zeit gibt es außerdem, um zu zeigen wie sich Un-suks Eltern eine Waschmaschine kaufen, die umgehend Platz in ihrem modern eingerichteten Plattenbauapartment findet. Freundinnen betrachten ein Schaufenster mit der neusten Mode, Neonlichter suggerieren einen Hauch von internationaler Metropole, im Bildhintergrund treffen sich junge Leute, um Bootsfahrten auf dem Fluss zu unternehmen. Un-suks Kollegin frisiert sich im Büro mit einer Warmluftbürste und hält das Gerät anschließend auffällig in die Kamera wie in einem merkwürdig verdrehten Fall von product placement. In gewisser Hinsicht fühlt sich A Traffic Controller on Crossroads an wie ein Werbeprospekt für die Innenstadtviertel von Pyongyang.







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* Zitiert nach den englischsprachigen Untertiteln.

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