A Broad Bellflower (1987)
Originaltitel: Torajikkot
Jahr: 1987
Regie: Kyun Soon-jo
Genre: Drama
Länge: 92 min
IMDb
Auf den ersten Blick ist A Broad Bellflower so etwas wie das nordkoreanische Äquivalent zu einem Heimatfilm. Er spielt in einem entlegenen Bergdorf, bevölkert von zupackenden Bewohnern, die sich keine Gelegenheit zum gemeinsamen Singen entgehen lassen und Städter machen dort nur Ärger. Symbol all dessen: die sittsame Glockenblume, die im Gegensatz zur eitlen Azalee fest verwurzelt in den Bergen erblüht und ihrer Heimat so Jahr für Jahr einen blütenschönen Frühling schenkt.
A Broad Bellflower beginnt mit einer Reise: Der alte Park Won-bong (Yeon Ock-song) will seinem inzwischen erwachsenen Sohn zum ersten Mal seine Heimat zeigen. Doch kurz vor der Grenze zum Dorf befällt ihn schreckliche Reue und hindert ihn daran seinen alten Jugendfreunden gegenüberzutreten. Er erinnert sich - und seine Gedanken schweifen sofort ab zu Jin Song-rim (Mi Ran-oh), seiner damaligen Freundin. Sie wird "Glockenblume" genannt, weil sie so schön ist, aber vor allem selbstlos und tugendhaft. Eine Waise seit der Zeit der japanischen Besatzer, arbeitet sie (mutmaßlich irgendwann gegen Ende der 1950er Jahre) unermüdlich daran das Leben in der armen, ländlichen Region für alle besser zu machen.
Won-bong selbst als vielversprechender Architekt oder Stadtplaner (so genau wird sein Beruf nie beim Namen genannt) reicht Entwürfe für ein neues Dorfzentrum ein, das die Region entscheidend aufwerten, Lebensqualität und Wohlstand bringen soll. Mit einem Heiratsantrag an Song-rim scheint das junge Glück perfekt. Doch Won-bong hat noch größere Pläne. Er sehnt sich nach der Großstadt, wo sein Onkel ihm einen Arbeitsplatz versprochen hat. Er hasst die harten Winter im Dorf, die körperliche Arbeit, entzieht sich dem Zusammensein mit seinen Kameraden und liest lieber Magazine, auf deren Bildern schick gekleidete Menschen in modernen Plattenbauten sitzen. Mehrfach bittet er Song-rim mit ihm fortzugehen - doch die Wurzeln der Glockenblume sind stark.
Der Figurentyp der Song-rim zieht sich wie ein roter Faden durch das Kino der DPRK, von den späten 1940er Jahren bis in die Jetztzeit und quer durch alle Genres. Aufrechte und anpackende, in ihrer Würde schier unantastbare Frauen, zutiefst (und dabei oftmals entgegen heftiger Widerstände) überzeugt von ihren sozialistischen Idealen, die bereitwillig ihre Jugend, ihre Kraft und gelegentlich auch ihr Leben für Volk und Führer hingeben. Natürlich entscheidet sich Song-rim gegen ihren Geliebten und für die Heimat. Guerillas hätten für jeden Winkel dieses Landes gekämpft, begründet sie ihre Entscheidung. Es sei nun an ihnen dieses Land fruchtbar zu machen.
A Broad Bellflower ist eigentlich der Auftakt zu einem konservativen Backlash im nordkoreanischen Kino der späten 1980er Jahre - weg von niedrigschwelligerer Unterhaltung und zurück zu den Idealen der Juche entsprechend wertvollen Geschichten mit pädagogischem Effekt. Aber der Film ist auch ein Melodrama, das sich bereitwillig dem sinnlichen Schwelgen in der Tragik seiner Protagonistin hingibt. Als ein alter Nachbar die erste elektrische Glühbirne des Dorfes eindreht, steht sie Arm in Arm mit ihrer Schwester im Kreis der Dorfgemeinschaft und der Schein der Lampe umhüllt ihr bewegtes Gesicht, in ihren Augen spiegeln sich Rührung, Stolz, Trauer, Liebe. Und wenn Song-rim auf der Hochzeit der Schwester (die als die Jüngere den Traditionen entsprechend eigentlich auf die Erstgeborene warten müsste) das Lied der Glockenblume anstimmt, schraubt sich ihr Gesang zu pathetischen Dimensionen empor, deren Höhenlagen nicht mehr allzu weit entfernt sind von den arienhaften Kompositionen Ennio Morricones.
Liebesgeschichten sind im nordkoreanischen Kino immer eine heikle Sache, wahrscheinlich gibt es deswegen so wenige. Sie müssen Zuneigung ohne Körperlichkeit suggerieren - aber auch nicht zu viel Zuneigung. Wessen Herz zum Bersten mit Liebe für eine andere Person gefüllt ist, der hat womöglich weniger Kapazitäten, um auch noch Kim Il-sung und seiner Juche zu dienen. Da zeigt sich erst, wie politisch RomComs und Co wirklich sind.
Jedenfalls: Vor diesem Hintergrund betrachtet geht A Broad Bellflower vergleichsweise all in. Um zu unterstreichen, wie groß das Opfer ist, dass Song-rim mit der Entscheidung gegen ihren Geliebten bringt, zeigt er das junge Paar bei nächtlichen Geheimtreffen, beim Heiratsantrag und lässt vereinzelt sogar flüchtige Berührungen zu, denen sich Song-rim jedes Mal mit einem rotwangigen Lächeln zu entziehen versucht.
Auch sonst scheint A Broad Bellflower stärker als andere nordkoreanische Produktionen von westlichen Melodramen geprägt. Immer wieder gehen Musik und Landschaftsaufnahmen Symbiosen ein, werden so zu Spiegeln der Seelenlandschaften der Protagonisten. Fallender oder vom Wind aufgewirbelter Schnee verstärkt diesen Effekt noch, ebenso wie die ungewöhnlich bewegliche Kamera, die die Figuren (manchmal recht unbeholfen) umkreist, aus großer Höhe zeigt oder sich auf dem Höhepunkt des Films buchstäblich ins Unterholz schlägt, begleitet von einem elektronisch verzerrten und dutzendfach geloopten Schrei, der A Broad Bellflower für einen kurzen Moment zu einem frei schwebenden Experimentalfilm werden lässt. Und, ebenfalls eine Besonderheit in diesem zumeist so auf gebührenden Abstand bedachten Kino: Immer wieder Großaufnahmen, Schweiß, Schmerz und Tränen.
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